Nach Süden

Als wir heute Morgen gegen 9 Uhr aufbrechen hat sich der Regen zwar gelegt, aber es ist grau bei 8 Grad, windig uns ziemlich ungemütlich. Ab jetzt geht unsere Reise immer Richtung Süden und näher nach zuhause. Eigentlich hatte ich heute außer Landschaft nichts besonderes erwartet und nicht gedacht, dass es doch wieder so viel zu erzählen gibt.
Die Vegetation war am Nordkap mehr als spärlich gewesen, ebenso wie die Gegend ziemlich einsam und kalt war. Neben kleinem Krautgedöhns winden sich Mini-Weiden schutz suchend über den Boden. Ich habe die zuerst gar nicht erkannt, bis ich ein paar sich öffnende Weidenkätzchen gesehen habe. Ansonsten gabs in Honningsvåg ein paar gelbe Schlüsselblumen am Straßenrand und das wars.

Die ersten 50 Kilometer geht es immer an der Küste entlang. An einer Stelle sehen wir ein dickes Rohr den Berg hinunter kommen, Teil eines Wasserkraftwerks. Laut Frank, der sich eingelesen hatte, deckt Norwegen 90% seines Strombedarfs aus Wasserkraft, der auch in den Export geht. Klar, mit Holz ist es hier mau, im Gegensatz zu Finnland.
Wir scheinen die Einzigen zu sein, die in diese Richtung fahren, denn im Laufe des Tages kommen uns eine Menge Fahrzeuge entgegen. Da sind zunächst die ganzen Wohnmobile, in der Reihenfolge der Häufigkeit folgende Nationen: Deutsche, Franzosen, Schweizer, Polen, Italiener und Spanier. Außerdem Motorräder, Offroader, ein Boot, ein Jogger und immer wieder einzelne Radfahrer, die sich ohne Antrieb und schwer bepackt die Berge hochkämpfen. Besonders häufig und den ganzen Tag über kommen uns Teilnehmer einer Freizeitrallye mit beklebten Fahrzeugen und Dachzelten entgegen, aus alles Teilen Deutschlands. Mitten in der Landschaft auch immer wieder Schneemobile, die auf ihren nächsten Wintereinsatz warten.


Als wir von der Küste weg ins Landesinnere kommen, fahren wir lange über schneebedeckte Hochplateaus, wo breite Schmelzwasserflüsse in Stromschnellen hinfließen. An manchen Stellen stapeln sich am Flußufer Eisschollen und lassen ahnen, was hier vor zwei Monaten noch los war. Die Seen tragen hier zum Teil noch ihre Eisschicht. Wenn überhaupt Bäume, dann Krüppelbirken, die aber auch noch kein Laub zeigen. Ich ziehe meine Winterjacke über und schalte die Sitzheizung ein. Kalt. Aber tolle Landschaft und eine unglaubliche Weite. Beeindruckend.


Plötzlich fahren wir über eine Kuppe, es geht bergab und von jetzt auf gleich ohne Übergang verwandelt sich die Landschaft von Winter in Frühling, von grau-weiß in grün und freundlich. Huflattich und Löwenzahn am Straßenrand. Üppiger Baumbestand, Birken, Kiefern und Tannen. Auch die Sonne scheint jetzt, die Wolken bleiben hartnäckig über den Bergen hängen. Man sieht einen großen Fjord und jetzt wird klar, dass wir bald in Alta sein werden, einer größeren Stadt hier oben. Von der Einöde in lebhaften Stadtverkehr. Ein ganz schöner Kontrast.

Alta
In Alta halten wir für eine Pause an der Nordlicht-Kathedrale, die ganz in moderner Architektur gebaut wurde und über die Grenzen hinaus bekannt ist. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Kirchen Norwegens (Stabkirchen aus Holz) wurde sie komplett aus Beton gebaut und mit einer Titanhaut versehen. Wir grummeln, als genau in dem Moment ein deutscher Reisbus davor hält und 60 Leute auf den Eingang zuhalten. Das ist ja wieder der Murphy! Uns bleibt keine Wahl, als uns den Horden anzuschliessen, aber zum Glück gibt es eine Veranstaltung in der Kirche und die Leute müssen leise sein, sodass der Großteil der Busgesellschaft draßen bleibt. Wir gehen trotzdem hinein und finden uns in einem wunderschönen Gesang eines Damenchors wieder. Vor lauter Ergriffenheit, auch weil es so unverhofft über uns hineinbricht, verweilen wir bis zum Ende des Konzerts ruhig in der letzten Reihe und genießen die entrückte Stimmung. Schon wieder Gänsehaut. Schööön.


Aber das war`s noch nicht in Alta. auf dem Rückweg zum Parkplatz kommen wir an einer kleinen Verkehrsinsel vorbei, wo eine Möwe auf dem Boden sitzt und auffliegt, als wir näher kommen. Eine zweite Möwe kommt dazu und beide beginnen, uns anzugreifen. Ich ahne warum: Die müssen ein Nest dort haben. Und genauso ist es, als wir zu der Stelle kommen, finden wir dort ein nachlässig zusammengezimmertes Nest mit einem Ei darin, groß wie ein Hühnerei. Schnell entfernen wir uns von der Stelle, da die Eltern immer aggressiver werden.


Nun bleibt noch eine gute Stunde zu unserem heutigen Ziel zu fahren und an einer schönen Parkbucht halten wir an, um etwas zu essen. Eine tolle Aussicht erwartet uns. Und ein Polizeiauto hält neben uns an und wir fühlen uns gleich ertappt. Ist es nicht erlaubt, hier Stühle und einen Tisch aufzustellen? Frank geht sofort hin und fragt, aber die freundlichen Polizisten geben die Info, daß sie auf der Suche nach einem Wagen seien und sagen ihm, dass wir unseren Urlaub hier genießen sollen. Machen wir.

Gegen 17 Uhr erreichen wir bei bestem Wetter unseren heutigen Stellpatz neben einem netten schweizer Paar und brauchen einen Moment um zu merken, warum unser Stromanschluss nicht funktioniert. Wir hatten die letzten zwei Tage ohne gestanden und würden gerne ein paar Dinge aufladen, deswegen wäre Strom schon gut. Nach einigen Versuchen und mithilfe des Schweizers mit seinem Stromprüfer wird die Ursache dann gefunden: eine Sicherung hatte sich bei dem Geruppel auf den teils sehr schlechten Straßen gelöst. Wir installieren uns und genießen noch eine Stunde die Sonne, bevor ich meinen ersten Wechsel für heute in Angriff nehme. Wir hatten auf eine schöne, rote tiefstehende Sonne gehofft, aber leider ziehen bereits wieder Wolken herein.


Mehr zur Nordlichtkathedrale: https://de.wikipedia.org/wiki/Nordlichtkathedrale
6 thoughts on “Nach Süden”
Der Vorteil der Reise im Uhrzeigersinn ist: man fährt mit einer schier endlosen Fährfahrt ab Bodø aufs scheinbar offene Meer hinaus, und irgendwann tauchen die Lofoten auf, und das ist ziemlich gigantisch. Außerdem sind die Straßen in Norwegen sehr viel schlechter als in Schweden und Finnland. Man kann für die Rückfahrt besser Strecke machen. Das ist glaube ich das Hauptargument dafür, dass die meisten euch entgegenkommen.
Ihr habt noch so tolle Landschaften vor euch. Bekomme akutes Fernweh 😎
Die Schlechten Straßen haben wir heute leider erlebt, aber wir haben die Route nun mal jetzt so rum geplant.ist ja trotzdem total schön und wenn wir auf Bodø zuführen drehen wir uns halt um ;))
Wir sind gespannt, was noch so kommt, für heute ist unser Bedarf an Aufreung gedeckt 🙈
So ein Mist. Ich drücke euch die Daumen dass die Heizung wieder in Gang kommt, und vor allem dass am Auto nichts passiert ist!
Die Heizung werden wir vermutlich nicht hinbekommen, entweder ist die Zündung hinüber oder sonst was Gravierendes. An einer Stelle ist ziemlich viel Ruß rausgeblasen worden, was im Nachfang auch meinen Husten erklärt hat.
Das Auto scheint so weit ok zu sein, wir werden heute weiterfahren und nicht noch einen Tag mit Werkstatt vergeuden. Zuhause können die es mal checken.
Tant pis, wie der Franzose sagt. Gibt genug Campingplätze auf eurem Weg, dann ist der Heizlüfter euer Freund. Es wird auch wärmer, ihr fahrt ja nach Süden.
So tröstliche Worte Astrid 😆
Heute eher wieder in Winterkleidung unterwegs…nicht nur der Heizlüfter. Auch die Sitzheizung und die Heizdecke. Viele gute Freunde wenn es kalt ist 😁